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Die Geschichte von zwei Gonso-Fans, die ein ganzes Wochenende durch Bayern irrten

3 Tage verfahren

3 Tage verfahren

Zwei Radler, 3 Tage, keine Karte - David und Kris haben sich bewusst drei Tage in Bayern verfahren. Die gesamte Story könnt ihr hier nachlesen!

Von David Lemmer

Kris und ich sind seit der Schulzeit befreundet. Es gibt vieles, was uns eint. Eines ist definitiv der Outdoor-Sport. Wir liefen zusammen Marathon, fingen gemeinsam mit dem Skitourengehen an oder machten den Angelschein. Knapp zehn Jahre ist es her als wir auf alten Rennrädern von München aus ohne Plan, ohne Smartphone, ohne Navi und ohne Fahrradcomputer in die Alpen fuhren und wieder zurück. Ein bisschen wild war’s, aber die Erinnerung ist noch immer herrlich.

Also nahmen wir uns vor, noch einmal alle digitalen Gewohnheiten und Zwänge hinter uns zu lassen und Urlaub vom Digital-Alltag zu machen. Diesmal sollten es drei Tage werden.

Welche Route wählt man, wenn man kein Ziel hat?

Unser Plan sah vor, uns drei Tage lang zu verfahren. Verfahren mit Ansage bedeutet nicht nur, kein Ziel zu haben, sondern auch auf Smartphone, Karten, Navi, Fahrradcomputer und was es nicht alles gibt, zu verzichten.

Wir verliebten uns sofort in diese simple Idee. Denn so hilfreich und praktisch moderne Technik ist, so sehr verleitet sie uns dazu, unseren Job, unser Privatleben, aber auch unsere Freizeit zu (ver)planen. Bereits vor einer Tour wissen wir genau, wann uns ein Anstieg erwartet, wann wir rollen lassen können, wie wir unsere Kräfte einteilen sollten und wie bzw. wann wir zurückkommen.

Das Problem dabei: Man erwartet und wartet. Man erwartet die „idyllische Seenrunde“, von der in der Beschreibung geschwärmt wird und man wartet auf den „knackigen letzten Anstieg“. Überraschungen begegnen wir bei solch einer detailreichen Vorbereitung und Planung nur mit Argwohn.

Wenn wir uns jedoch wissentlich verfahren und damit nichts erwarten – so unsere Idee – wird gerade das Unbekannte und Unerwartete zum Reiz.

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Ein paar Regeln braucht es dennoch

Doch damit wir uns nicht falsch verstehen: Durch die tiefschwarze eiskalte Nacht zu fahren, im Nirgendwo im Dreck zu wild zu campen oder uns im Gebirge komplett zu verausgaben war nicht unser Ziel. Nach einer normalen Arbeitswoche war uns eher nach Freiheitsgefühl, Genuss und sportlicher Entspannung.

Ein paar Vorkehrungen brauchte es daher durchaus. Wir einigten uns auf folgende „Verfahren-Regeln“:

  • Unsere Tour hat kein Ziel
  • Wir starten am Freitag daheim in München
  • Rückkehr ist am Sonntag mit dem Zug
  • Es gibt keine Vorgaben oder Ziele, was zu fahrende Kilometer oder Zeiten betrifft
  • Wir nehmen immer den Weg, der uns am besten gefällt
  • Können wir uns mal nicht entscheiden, hilft der Münzwurf
  • Gibt es einen asphaltierten Radweg, nehmen wir diesen

Ein Vorteil am Nicht-Planen: Man kann auch verschieben

Alles war vorbereitet. Alles war „nicht-geplant“. Frei wie die Vögel wollten wir in unser kleines Micro-Abenteuer aufbrechen, als es kam wie es kommen musste: Es regnete. Und nicht nur das. Es regnete stark. Es regnete bei Kälte und Wind und es gab keine Aussicht auf Besserung, sondern auf Schneefall am Sonntag. Im Mai. Uns blieb nur eines: verschieben.

Schon bevor es losging, hatten wir also die erste Lektion gelernt: Man kann beim Radfahren auf alle Hilfsmittel verzichten – aber nur schmerzlich auf den Blick in die Wetterprognose.

Der Regen will uns stoppen. Und schafft es nicht.

Eine Woche später. Nehmt uns beim Wort: Den ganzen Vormittag regnete es nicht. Ich holte mein Rad aus dem Keller, während Kris im Hof wartete. Und in dem Moment, in dem ich in den Hof kam, passierte es: Es fing wieder an zu regnen. Zu kübeln. Zu schütten. Mein Blick muss so einmalig gewesen sein, dass er Kris zu einem Grinsen verleitete. Optimismus war jetzt wichtig. Und genau dieser Optimismus schob die dunklen Wolken zur Seite. Denn schon 10 Minuten später brach durch eine Lücke die Sonne – unser offizielles Startsignal!

Exakt 175 Meter später fuhr ich rechts ran. Mein Hintern war komplett nass. Die Straße stand derart unter Wasser, dass mein Rennrad (natürlich schnittig sportlich ohne Schutzblech) mich von unten duschte. Der Rad-Laden meines Vertrauens und ein so genannter Ass Saver als Blitzkauf waren die Rettung.

 

Die Ausrüstung

Verfahren ist ein Ausdauersport

Die nächste Lektion, die wir lernten, war die, dass das „romantische Verfahren“ auf vereinsamten Landstraßen in der Voralpenidylle eines voraussetzt: Stamina. Denn wenn der Münzwurf sagt, dass die Reise nach Westen geht und man im Stadtosten wohnt, dann geht es erstmal über eine Stunde durch den Großstadtdschungel. Von Ampel zu Ampel.

Hinter Gilching war es endlich soweit: „Wir haben uns verfahren! Ich war hier noch nie und hab keine Ahnung wo die Straße hinführt“, strahlt mir Kris stolz von der Seite entgegen. Es ist ein Moment, der sich anfühlt wie jener, wenn man endlich im Flugzeug sitzt, das einen – gefühlt – in den Urlaub „beamt“. Es ist der Moment, der die Gewissheit bringt: Ab jetzt ist Urlaub, ab jetzt ist man frei von Zwängen, ab jetzt muss man nur noch eines: Kopf ausschalten und genießen.

Und es gelang es sofort.

Wir haben keine Tourenempfehlung für euch

Unser Weg führte uns entlang des Ammersees, dem Kloster Andechs, Landsberg am Lech, drei Mal Augsburg (spätestens an diesem Punkt bewiesen wir, dass wir uns wirklich nach allen Regeln der Kunst verfuhren), Naturpark Augsburg (übrigens nicht fürs Rennrad geeignet, fürs Verfahren hingegen sehr), Gersthofen und schlussendlich Donauwörth. Es wäre natürlich vermessen gewesen zu glauben, Straßen und Radwege in Bayern zu finden, die noch nicht in einem der einschlägigen Bücher und Apps verzeichnet, kartiert und beschrieben sind.

Was wir aber fanden, waren „Entdecker-Gefühle“. Wir alle kennen sie: Man ist auf Reisen und trägt ein unscharfes Bild mit sich, das sich plötzlich vor einem in ganzer Pracht aufbaut. Sie sind die Erfüllung einer vagen Hoffnung darauf, Orte zu finden, die einem gänzlich fremd sind und die einem bestätigen, dass man seine ganz persönliche Reise macht.

Um genau dieses „Entdecken“ zu erleben, hatten wir angedacht, Richtung Norden zu fahren. Eine Richtung, in die es uns Münchner eher selten zieht. Naturgemäß sind es die Berge, deren Reiz man bei der Tourenwahl erliegt. Doch auch beim Verfahren nahmen wir plötzlich wieder Kurs auf die mächtige Alpenwand. Der Grund war schlichtweg unsere Sorge schon nach kurzer Zeit wieder ins Stadtgebiet von München einzufahren.

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Wir fanden, was wir nicht suchten, aber erhofften

Doch es gelang uns, uns in Gebiete zu navigieren, die bis dato schwarze Flecken auf unserer persönlichen Landkarte waren. Erst daheim wurde uns dann bewusst, was die Region westlich des Ammersees für uns so exotisch erscheinen ließ: Der Lech-Donau-Winkel ist ein so genanntes Ramsar-Gebiet - ein Feuchtgebiet also, das als eines der wichtigen zentralen Lebensräume für Zug- und Watvögel Europas gilt.

Statt der x-ten Fahrt durch das bayerische Postkarten-Klischee radelten wir an diesem Wochenende durch eine Landschaft, die uns viel eher an die Südstaaten der USA, Mississippi oder Tennessee vielleicht, erinnert. Nur vier Stunden saßen wir im Sattel – zum Teil bei Regen und fiesem Gegenwind – aber wir hatten das Gefühl, schon sehr viel weiter gekommen zu sein als bei jeder anderen Tour, die wir je von unserer Haustür aus starteten.

6 exklusive Tipps für genussvolles Verfahren

 

  1. Immer den Radwegen folgen!
    Wir Rennradfahrer neigen dazu, dem Feeling der Tour de France nachzueifern, indem wir Landstraßen entlangbügeln. An einigen, einsamen Straßen macht dies durchaus Sinn und ist ein wundervolles, berauschendes Gefühl. Für unsere Heimatregion Bayern gesprochen, können wir jedoch bezeugen, dass das Radnetz auf dem Land derart hervorragend ist, dass es sich wirklich lohnt, es auch zu nutzen. So bietet es zum Beispiel auch die Möglichkeit, nebeneinander zu fahren und dabei zu plaudern – und auch das wird bei der Tour de France gemacht. Dies nur als ein Beispiel.
     
  2. Fahrt nicht in Neubaugebiete!
    Der Grund ist pragmatischer Natur: Die Wahrscheinlichkeit, dass ihr in einer Sackgasse umdreht, liegt bei „empirisch“ erhobenen 95 %. Und die Wahrscheinlichkeit, dass es nur eine Straße gibt, die aus dem Neubaugebiet wieder herausführt, liegt bei etwa 90 %. Und die Wahrscheinlichkeit, dass man auf einen gemütlichen Biergarten oder ein charmantes Café stößt, liegt bei 0,1 %.
     
  3. Schöne Wege haben Vorrang!
    Rollende soll man nicht aufhalten, lautet ein von uns erfundenes Radfahrer-Sprichwort. Soll heißen: Wenn die Straße an eine Kreuzung kommt, haltet nicht und überlegt nicht, welcher Weg an den schönen Ort führen könnte. Wenn ihr gute Verfahrer seid, wisst ihr es nicht. Also lebt den Moment! Dreht sofort und ohne aus dem Tritt zu kommen in den Weg, der am schönsten erscheint – und lasst euch überraschen, wohin er führt. Denn auch wenn man beim Verfahren auf dem Rennrad kein Rennen fährt, wollen wir doch alle den Fahrtwind spüren, oder?
     
  4. Ignoriert die noch unergründete Anziehungskraft einzelner Orte!
    Es gibt ein noch unerforschtes Phänomen, das vermutlich wir zwei entdeckt haben (Namensvorschläge könnt ihr in den Kommentaren unter diesem Beitrag einreichen): Es gibt Orte, an die man beim Verfahren immer wieder zurückkommt. Aus verschiedenen Richtungen. Bei uns waren es Friedberg und Augsburg. Kris und ich vergewisserten uns beide eindringlichst, dass wir eindeutig von diesen Orten wegfuhren. Und dennoch landeten wir mehrmals in ihnen oder in verdächtiger Nähe. Unser Tipp: Fahrt! Die Orte bleiben. Aber ihr bewegt euch. Und irgendwann seid ihr woanders. Eine verfahrene Situation.
     
  5. Lasst das Wetter nicht bestimmen!
    Es gibt kein schlechtes Wetter... ihr kennt den Spruch. Und warum kennen und vergessen wir ihn nicht? Weil er stimmt. Wie viele Tage habt ihr erlebt, an denen es über Stunden hinweg ohne Pause durchgehend geregnet hat? Es sind wenige, richtig? Wer sich einfach nur verfahren will und kein Zeil setzt, hat Zeit und die Flexibilität, einen Regen unter einem Schirm oder in einem Café auszusitzen. Und er hat direkt nach dem letzten Tropfen die Straßen für sich allein. Und diesen Moment, wenn plötzlich warme, grelle Sonnenstrahlen durch die graue Wolkendecke hindurchfallen...
     
  6. Verliebt euch nicht in Orte!
    Ein Tipp, der Kris am Herzen liegt. Und dies aus gutem Grund: Es gibt Dörfer, durch die rollt es sich, als dürfe man durch ein Freilichtmuseum fahren. Aber es folgen auch Ortschaften und Siedlungen, in denen die Rennradromantik eine Pause macht. Und genau das ist der Punkt: Die Romantik macht eine Pause. Radfahren verbindet zwei Erfahrungen wie kaum eine andere Fortbewegungsart: Ferne erleben und nah dran sein. Denn auf der einen Seite kommt man durch eigene Kraft etliche Kilometer weit weg von seinem gewohnten Alltag und auf der anderen blickt man auf die fremde Umgebung nicht durch eine trennende Scheibe und den Blick verwischende Geschwindigkeit. Genau das gilt es zu genießen!
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Doch die wichtigste Erkenntnis, die wir von unseren drei Tagen mitnahmen, war eine, die wir alle kennen, aber doch leicht vergessen: Ein Glücksgefühl auf dem Fahrrad ist immer und überall zu finden. Man muss nur vergessen können, was uns ablenkt. Seien es ein ehrgeiziges Ziel, Wetterkapriolen, technische Spielereien, blinde Routinen oder alltägliche Sorgen.

Verfahren ist ein leichter Trick. Und ein Luxus noch dazu. Denn wie komfortabel ist es bitte, dass wir nahezu überall innerhalb von 10 bis 20 km einen Bahnhof für den Heimweg, ein Wirtshaus für den Hunger oder eine Gästehaus für die Nacht finden? Ohne Smartphone, ohne Karte, ohne Radführer, sondern nur durch Ruhe, Zeit, offene Augen und ein Rad, das uns viel weiterbringt als wir glauben.